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Archive for Juni 2010

Ich möchte doch noch einmal auf einen Leserkommentar eingehen und da das länger werden kann, habe ich mich zu einem weiteren Blogbeitrag zum Thema Schulreform in Hamburg entschieden.
Vielleicht wiederhole ich Argumente aus den Vormonaten, das  schadet aber nicht, es vertieft nur den Ansatz meines Engagements für ein längeres gemeinsames Lernen.

Zum ersten Mal merkte ich es, als meine eigenen Kinder in der vierten Klasse waren und die Entscheidung anstand, welche weiterführende Schule die richtige sei. Ich schwankte hin und her, hatte Angst etwas zu versäumen, wenn ich sie nicht auf dem Gymnasium anmelde, hatte andererseits aber auch schon so viel im Bekanntenkreis miterlebt, deren Kinder auf dem Gymnasium waren, dass ich Zweifel hatte, ob das die richtige Schulform sei. Ich/wir entschieden uns damals mit Bauschmerzen für die Gesamtschule. Ich hatte noch keine Ahnung von dieser Schulform, wusste nur, dass man dort alle drei Abschlüsse erreichen kann, je nach Fähigkeit. Das gab schließlich den Ausschlag.
Sofort nahm ich die Arbeit im Elternrat auf und machte erstmal „Hausaufgaben“ – las die Thesen von Hartmut von Hentig über kindgerechtes Lernen und pädagogische Konzepte, besuchte in den Folgejahren viele Veranstaltungen, auf denen ich unter anderem Andreas Schleicher der für Deutschland zuständige PISA Koordinator der ersten PISA Studie kennen lernte, ebenso wie Enja Riegel, Schulleiterin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, einer Gesamtschule, die mit großem Abstand als beste deutsche Schule bei der PISA Studie abschnitt.
Es folgten viele Studien – Iglu, Lau, Tims und eins wurde daraus ganz deutlich. Es stellte sich nämlich heraus, dass im Gymnasium ein überraschender Anteil von Schülern saß, die nur Hauptschulniveau erreichten, ebenso wie Realschulleistungen. Im Gegensatz gab es in der Hauptschule aber auch Schüler, die mit ihren Leistungen auf Gymnasialniveau lagen, in der Realschule sogar noch mehr. Das führt diese ganze Sortierung nach Schulformen ad absurdum.

Schüler entwickeln sich innerhalb ihrer Schullaufbahn mehrmals und haben dabei durchaus auch Brüche. Wir brauchen ein Schulsystem, dass allen Schülern gerecht wird und die OECD hat uns mehrfach nachgewiesen, dass in keinem anderen Land der Bildungserfolg so sehr vom sozialen Status des Elternhauses abhängt wie in Deutschland.

Hautpschulen wurden mittlerweile in fast jedem Bundesland abgeschafft, weil sich herausgestellt hat, dass diese homogenen Gruppen sich gegenseitig behindern.

Aus der Gesamschule weiß ich, dass sie vor allem dann besonders erfolgreich arbeitet und viele Schüler zu einem guten Abschluss bringt, wenn die Schülerzusammensetzung in etwa eine Drittelung ergibt. Je ein 1/3 Haupt-, Real-, und Gymnasialschüler ergibt ein Lernklima, von dem alle profitieren. Da aber seit dem PISA Schock immer mehr Eltern ihre Kinder auf einem Gymnasium anmelden, teilweise mehr als 50%, kippte diese Schülermischung in der Gesamtschule, was auch das Konzept erschwert. Weil ich die kritischen Stimmen immer wieder zu hören bekam, dass gute Schüler benachteiligt wären, habe ich über die Jahre eine Reihe von sehr guten Schülern mit Gym-Empfehlung beobachtet, die in der Gesamtschule ihr Abitur machten und nie habe ich festgestellt, dass sie Nachteile hatten. Im Gegenteil, sie gelangten mit guten bis sehr guten Noten zum Abitur und hatten daneben noch Zeit für soziales oder politisches Engagement.

Dennoch schicken Eltern ihre Kinder verstärkt auf das Gymnasium, viele von ihnen bestehen dort nur, wenn die Eltern Geld für den nötigen Nachhilfeunterricht aufbringen können. Es werden inzwischen Unsummen für Nachhilfe ausgegeben.

Dies alles und die Tatsache, dass Eltern ihren Kindern eine Gym-Laufbahn wünschen, damit sie eine Perspektive für die Zukunft haben, haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass wir im Grunde nur eine einzige Schule für alle brauchen, die aber über die Fähigkeit verfügt auf die individuellen Lerntypen entsprechend zu reagieren. Mir wäre am liebsten eine Schule über 9 oder 10 Jahre, nach der sich dann entscheidet, ob die Schüler im Anschluss eine Berufsausbildung beginnen oder die Oberstufe besuchen.

Dafür gibt es zur Zeit in Deutschland leider noch immer keine Mehrheiten. Dabei trennt außer in Deutschland und Österreich niemand mehr seine Schulkinder nach vier Grundschuljahren.

Nun gibt es aber diesen politischen Kompromiss und zwei Jahre längeres gemeinsames Lernen sind immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, hin zu einer chancengerechteren Bildung.
Der Radio-Werbespot der Gegeninitiative ärgert mich gerade maßlos, in dem den Hörern vorgegaukelt wird, Eltern könnten über die Schullaufbahn ihres Kindes nicht mehr mitbestimmen. Das sind in meinen Augen unlautere Mittel. Fakt ist doch, dass Eltern jetzt nach 6 statt bisher 4 Jahren entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind geht. Und nach diesem Zeitraum, in dem es eine konkrete Lernstandsbegleitung und entsprechende Gespräche gegeben hat, sollte man doch selbst merken, wo das eigene Kinde steht. Wenn es dann noch ein Jahr auf dem Gymnasium ist – trotz wackeliger Ergebnisse in der Primarschule und dann zu schlechte Noten hat, dann wird es für das Kind in der Regel eine Überforderung sein, weiterhin auf dem Gymnasium zu bleiben und eine Abschulung sollte außer Frage stehen… Ehrgeiz der Eltern hin und her.
Aber auch das könnten wir uns alle sparen mit einer Schule für Alle. Es sprechen immer mehr Gründe für diesen Weg.

Letztendlich ist es in erster Linie nur noch eine soziale Spaltung die mit der Aufteilung Gymnaisum/Stadtteilschule vollzogen wird und die sollte man so lange wie möglich hinaus zögern, weil wir so viel mehr Schüler zu einem guten Schulabschluss bringen, die wir bisher auf der Strecke verlieren und die den Staat und damit uns dann in den Jahren darauf ein vielfaches an Geld kosten werden.

Dass der Senat einen eigenen Entwurf eingebracht hat – darüber kann man streiten. Es macht die Sache auch für die Befürworter nicht einfacher.
Kein Büchergeld, kleinere Klassen etc., damit werben sowohl Befürworter als auch die Gegner, dabei hat das mit dem Volksentscheid an sich gar nichts zu tun.

Die Elterninitiative die es bei vier Jahren Grundschule belassen will arbeiten mit vielen Tricks, das halte ich für egoistisch und der Sache nicht dienlich. Es geht hier vielfach nicht um Inhalte und vor allem nicht um die Gesamtheit der Schülerinnen und Schüler und damit um unser aller Zukunft.

Dass eine Schulreform nicht gleich perfekt ist, dass es holpern wird und vieles sich erst entwickeln muss, dass gehört zu jeder Reform dazu. Schule muss sich entwickeln, man muss den Weg vorgeben, aber gehen müssen die Schulen ihn selbst. Ich bin sicher, das wird geschehen. Dafür werden schon die Oppositionsparteien und die wissenschaftliche Begleitstudie sorgen und alle Kritiker, die die Primarschule im Auge haben – nur hoffentlich ziehen sie nicht ganz so viele gelbe Karten, wie der Schiedsrichter heute beim Spiel Deutschland – Serbien, weil man damit nicht für Ordnung sorgt, sondern auch viel kaputt machen kann, was gerade dabei ist sich zu entwickeln.

Es ist ja nicht so, dass die Grundschule einfach nur um zwei Jahre verlängert wird, sondern es geht um eine neue Schulform, die konzepttionell und inhaltlich so ausgearbeitet ist, dass diese zwei Jahre auch gefüllt werden. Individuelle Förderung, Jahrgangsübergreifender Unterricht, Englisch ab Klasse 1, Fachunterricht in Abprache und Zusammenarbeit mit den Gymnasien.
Sollte diese Reform scheitern, wird sich über Jahre nichts mehr bewegen und auch Einfluss haben auf andere Bundesländer, die alle schon in den Startlöchern stehen und gebannt nach Hamburg schauen. Wir werden weiter hinterher hängen hinter der internationalen Entwicklung und auf Dauer immer mehr Schulverlierer produzieren, weil wir schon im dritten, spätestens Anfang des vierten Schuljahres damit beginnen, den Kindern zu signalisieren, ob sie ins System passen oder – nicht gebraucht werden.

Diese Erkenntnisse  resultieren aus meinen Erfahrungen mit Schulen in einem sozial schwachen Stadtteil. Die Primarschule ist ein Schritt zu einer zeitgemäßeren Schule.

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